5. Februar 2026

Mit der 10-Prozent-Brille auf Konflikte schauen

von Jürg Bolliger
Karpman-Buch mit Brille

(Foto: Jürg Bolliger)

Im Januar haben wir uns in einem unserer TA-Seminare mit dem Dramadreieck und weiteren Beiträgen von Stephen Karpman beschäftigt.

Karpman beschreibt typische Rollen, die Menschen in Konfliktsituationen oft einnehmen. Wenn jemand eine dieser Rollen im Dramadreieck besetzt, blendet er oder sie bestimmte relevante Aspekte aus.

  • Opfer, die sich ausgeliefert oder handlungsunfähig erleben
  • Verfolger, die kritisieren, angreifen oder Druck ausüben
  • Retter, die vorschnell helfen und zu viel Verantwortung übernehmen

Diese Rollen sind nicht fix. In der Regel kommt es früher oder später zu einem Rollenwechsel, wodurch das Drama weiter an Dynamik gewinnt.

Das Dramadreieck mit den drei Rollen ist vielen bekannt. Weniger bekannt sind Karpmans 10-Prozent-Regeln. Es handelt sich dabei um einen hilfreichen Zugang zum Umgang mit solchen Situationen, indem sie dazu einladen, innerlich einen Schritt zurückzutreten, zu ent-dramatisieren und letztlich aus dem Spiel im Dramadreieck auszusteigen.

Die 10-Prozent-Regeln in Kürze

Die Grundidee ist ebenso einfach wie wirkungsvoll:

  • In jedem Spiel stecken mindestens 10 % gute Absicht
  • In jeder Aussage liegen mindestens 10 % Wahrheit
  • Mindestens 10 % der Menschen würden in einer solchen Situation ähnlich reagieren
  • Mindestens 10 % dessen, was im Drama gesagt wird, ist falsch
  • Jede beteiligte Person spielt zu mindestens 10 % alle drei Rollen gleichzeitig

Diese Perspektive entschuldigt kein unangemessenes Verhalten. Sie hilft jedoch, nicht sofort in Bewertung, Rechtfertigung oder Gegenangriff zu gehen.

10-Prozent-Regeln

Ein Beispiel aus dem Arbeitsalltag

Eine Vorgesetzte kritisiert einen Mitarbeiter scharf, weil sich in einem Schreiben an einen Kunden ein Fehler eingeschlichen hat. Der Ton ist unangemessen, vielleicht sogar vor anderen.

Auf der Oberfläche zeigt sich die Verfolger-Rolle. Der Mitarbeiter geht in die Opfer-Position, fühlt sich klein gemacht und ohnmächtig.

Mit der 10-Prozent-Brille betrachtet, wird das Bild differenzierter:

  • Hinter der Kritik steckt zu mindestens 10 % eine gute Absicht: Qualität sichern, Kundenbeziehungen schützen.
  • Der Fehler ist real. Es gibt zu mindestens 10 % einen sachlichen Kern.
  • Unter Druck würden viele Führungspersonen ähnlich reagieren.
  • Pauschale Aussagen oder Abwertungen sind zu einem Teil schlicht nicht wahr.
  • Und beide Beteiligten tragen alle drei Anteile in sich. Die Vorgesetzte ist beispielsweise nicht nur Verfolgerin, sondern auch Opfer, da sie für ihre Abteilung eine Umsatzvorgabe erfüllen muss, und Retterin, weil sie den Mitarbeiter vor negativen Reaktionen der Kundschaft schützen will.

Diese Sichtweise verändert nicht automatisch das Verhalten der anderen. Sie verändert jedoch den eigenen inneren Spielraum. Und genau dort beginnt Entwicklung.

Die 10-Prozent-Regeln laden ein, das Dramadreieck und Konflikte mit mehr Bewusstheit, Selbstverantwortung und Mitgefühl zu betrachten, ohne etwas kleinzureden. Weniger Drama. Mehr Wahlfreiheit.


Verfasser des Artikels

Jürg Bolliger

Transaktionsanalytiker TSTA-E

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