Wertschätzung

Wertschätzung
– wertvoll – wirkungsvoll

Viele Institutionen, aber auch Vorgesetzte oder Teammitglieder unterschätzen die Bedeutung, welche die Wertschätzung im Arbeitsalltag hat - und natürlich nicht nur dort. Eine Begegnung vor ein paar Wochen illustriert das sehr gut:

Ein Freund von mir hatte eine gute Stelle im mittleren Kader eines KMU. Er war soweit zufrieden mit seiner Arbeit, hatte gute Aufgaben und die Möglichkeit, seine Fähigkeiten einzubringen. Aber so richtig warm wurde er mit seinem Betrieb, mit seinen Arbeitskollegen und seinen Vorgesetzten nicht. Er fühlte sich trotz grossem Engagement nicht gesehen und nicht unterstützt in seiner Arbeit. Anfang Jahr hat er seine Stelle gewechselt. Als ich ihn wieder traf war er begeistert und strahlte: «Es gefällt mir sehr gut. Hier herrscht ein ganz anderes Klima: Ich habe in den letzten zwei Monaten viel mehr Wertschätzung erhalten, als die ganzen Jahre davor in meinem alten Betrieb.»

Diese persönliche Erfahrung deckt sich auch mit Ergebnissen aus der Forschung über Arbeitszufriedenheit, Motivation und Leistungsbereitschaft: Einer der häufigsten Gründe für einen Stellenwechsel ist ein schlechtes Klima und zu wenig Wertschätzung.

Strokes: Wertschätzung und Beachtung – ein Grundbedürfnis

Eric Berne, Begründer der Transaktionsanalyse, hat die Wertschätzung den psychologischen Grundbedürfnissen zugeordnet. Neben dem Bedürfnis nach Struktur und Stimulation/Anregung ist das Bedürfnis nach Beachtung, Anerkennung und Wertschätzung – Berne sagt ihnen «Strokes» - eine der stärksten Triebfedern für menschliches Verhalten. Deshalb bezeichnet Berne die Grundbedürfnisse auch als «Hunger» um ihre existenzielle Bedeutung für den Menschen hervorzuheben.

Viele Arten von Strokes

Strokes können von einer Person positiv oder negativ wahrgenommen werden, unabhängig von der Absicht des Senders. Sie können bedingt «Du hast einen inspirierenden Vortrag gehalten» oder bedingungslos sein «Schön, dass es dich gibt!». Und sie können verbal oder nonverbal sein, in Form von Blocken, Gesten, einer Umarmung usw.

Warum ist Wertschätzung ein knappes Gut? – Die Stroke-Ökonomie

Claude Steiner beschreibt, dass wir Menschen oft zu wenig Strokes erhalten, weil unsere Gesellschaft eine Reihe von ungeschriebenen Regeln entwickelt hat, welche das freie Austauschen von Strokes behindern oder verunmöglichen. Er nennt diese oft unbewusst angewandten Regeln «Strokes-Ökonomie»:

  1. 1
    Gib keine Strokes, auch wenn du gerne möchtest! (oder: …es sei denn, du musst!)
  2. 2
    Bitte nicht um Strokes, auch wenn du sie brauchst!
  3. 3
    Nimm keine Strokes an, auch wenn du gerne möchtest!
  4. 4
    Lehne keine Strokes ab, wenn du sie nicht möchtest!
  5. 5
    Gib dir selbst keine Strokes!
Verbotsschild

Durch diese künstliche Verknappung haben viele Menschen einen Mangel an Strokes. Im Verlauf des Lebens haben wir uns deshalb verschiedene Strategien angeeignet, um beachtet zu werden. Und da dieser Hunger nach Beachtung so stark ist, haben sich einige angewöhnt, lieber negative Strokes zu erhalten als gar keine.

Wertschätzung – Die Wirkung von positiven Strokes

Menschen, die anderen Menschen in beruflichen und privaten Beziehungen mit viel und echter Beachtung begegnen, ihnen viele positive Strokes geben, können mit wenig Aufwand ein Klima von Vertrauen, Zugehörigkeit und Wertschätzung gestalten.

Wertschätzung fördert die Zufriedenheit, gute Beziehungen, funktionierende Kommunikation und die Bereitschaft, sein Bestes für die gemeinsame Arbeit und die gemeinsamen Ziele zu geben.

Menschen mit Wertschätzung zu begegnen, sie zu sehen und ihnen Beachtung – eben Strokes – zu schenken ist Ausdruck einer Grundhaltung, dass die Menschen in Ordnung sind. In der Transaktionsanalyse wird dafür der Begriff «okay» verwendet.

Im Alltag gibt es viele Möglichkeiten, Wertschätzung auszudrücken. Ein erster Schritt ist es, andere und sich selber zu beobachten, wofür und auf welche Art sie Beachtung suchen – negative und positive.

Ein zweiter Schritt kann es sein, bewusst positive Strokes - eben Wertschätzung – zu geben und damit zum Ausdruck zu bringen, dass man die anderen Menschen wahrnimmt und ihre Arbeit und ihr Engagement würdigt.

Sie werden staunen, welch positive Auswirkungen diese beiden kleinen Schritte auf alle Beteiligten haben!

11. September 2020

Titus Bürgisser - connecTArt

Autor

Transaktionsanalytiker PTSTA-E
Mitglied des connecTArt-Leitungsteams

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